Menschen sitzen am Tisch zusammen und arbeiten

Working Out Loud in der Praxis: Ein Gespräch mit John Stepper über Anfänge, Erfolge und Herausforderungen seiner Methode (Teil II)

Seit drei Jahren gibt es das Buch, einen TED-Konferenz-Vortrag und einen Blog zur Methode Working Out Loud von John Stepper. In immer mehr Unternehmen und Institutionen arbeiten Gruppen mit seinen Circle Guides, den Arbeitsblättern für zwölf Wochen, an ihren Zielen. In Shanghai findet Ende Juni eine große WOL-Konferenz statt, um das Konzept auch in China zu verbreiten. Wir haben John Stepper gefragt, wie WOL von kleineren und mittleren Unternehmen genutzt wird, woran WOL-Zirkel scheitern und wie man am besten selbst anfangen kann.

Portrait

John Stepper
• New Yorker: lebt und arbeitet in der Stadt, in der er auch geboren wurde
• Familienmensch: Vater von fünf Kindern
• Informatiker: Studium an der Columbia University
• Freiberufler: Nach 30 Jahren als Angestellter wurde er entlassen und machte sich selbständig

Portrait von John Stepper

Warum haben Sie Working Out Loud entwickelt und für wen?

John Stepper: In meinem Job fehlten mir Kontrolle und Erfüllung. Das machte mich unglücklich und unzufrieden mit der Arbeit wie das bei vielen anderen Menschen auch der Fall ist. Deshalb habe ich nach einem Weg gesucht, der jedem helfen könnte, seine Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zu unserer Arbeit zu verbessern.

Die Bausteine der WOL-Zirkel-Arbeitsblätter sind nicht sensationell neu. Wie erklären Sie sich die starke Resonanz auf WOL? Warum ist diese Art des Lernens zunehmend erfolgreich?

John Stepper: Die Elemente von WOL basieren zum Großteil auf althergebrachten Weisheiten. Das Neue daran ist, dass es für fast jeden einfach ist, sie zu praktizieren, vor allem am Arbeitsplatz. Deshalb erreicht WOL viele Menschen, die sich sonst nicht darauf einlassen würden. Ein Zirkel ist außerdem ein sicherer, vertraulicher Raum, der es Menschen erlaubt zu experimentieren und verletzbar zu sein – also ganz sie selbst zu sein in einer Weise, die viele bei der Arbeit nie erlebt haben. Die Folge davon ist, dass viele Menschen sich nach ihrem Zirkel anders fühlen. Dieses gute Gefühl ist der Grund, warum sie anderen über WOL erzählen wollen und den Ansatz verbreiten.

Wer anfängt, sich mit WOL zu beschäftigen und im Netz darüber zu lesen, bekommt den Eindruck, dass vor allem Konzerne WOL nutzen, um ihre Lernkultur zu verändern, etwa IBM, Bosch, Coca-Cola, Siemens, BMW, Daimler. Warum? 

John Stepper: Das hat verschiedene Gründe:

  •  Große Unternehmen erkennen den Wandel in der Zusammenarbeit und Innovation und suchen nach etwas, das ihnen hilft, sich dem zu stellen.
  • Große Unternehmen haben von Haus aus viel Gewicht. Selbst wenn zum Beispiel nur ein Prozent der Mitarbeiter von Bosch in einem WOL-Zirkel wären, wären das 4.000 Menschen.
  • Große Unternehmen haben mehr und sichtbare externe Kommunikation, deshalb ist es wahrscheinlicher, dass man ihren WOL-Erfahrungen begegnet.

Abgesehen davon, kommt WOL auch in Schulen, in Krankenhäusern und in kleinen Beratungsunternehmen zum Einsatz und wird von vielen Gründern und Start-ups für das neue Lernen in Netzwerken genutzt.

Was würden Sie kleinen und mittleren Unternehmen raten, wie sie unter ihren Bedingungen WOL starten könnten?

John Stepper: Das Muster, wie eine WOL-Bewegung beginnt, ist in allen Organisationen gleich: Ein Mitarbeiter beschließt, WOL auszuprobieren und gründet einen Zirkel. Wenn es den Teilnehmern gefällt, erzählen sie es ihren Freunden und ein paar mehr Zirkel gründen sich. Mit der Zeit wächst daraus eine kleine Basisbewegung. In einigen Fällen bekommt das die Personalabteilung mit oder auch die IT-Abteilung oder das betriebliche Innovationsmanagement, und das Unternehmen beginnt, Veranstaltungen und Trainings zu finanzieren und macht es zum Bestandteil seiner Personalentwicklungsarbeit. Ich kenne eine Reihe kleiner IT-, Bildungs- und Produktionsunternehmen, wo WOL etwas bei den Leuten bewegt hat, die daran teilgenommen haben, darunter viele Freiberufler.

Worauf sollten kleine Unternehmen achten, wenn sie mit WOL beginnen?

John Stepper: Manchmal fühlen sich kleine Unternehmen zu intim an. Dann wirkt ein Zirkel mit Kollegen vielleicht psychologisch nicht sicher. Wenn das der Fall sein sollte, empfehle ich, einen Zirkel mit Leuten außerhalb des Unternehmens zu gründen. Dann kann man das, was man gelernt hat, im Unternehmen anwenden und andere dafür gewinnen, auch Zirkel zu gründen.

Nicht alle WOL-Zirkel funktionieren. Welche Hauptgründe haben sich herauskristallisiert, die eventuell zum Abbruch führen?

John Stepper: Allein die Terminpläne von fünf Leuten so abzustimmen, damit die zwölf Zirkel überhaupt stattfinden können, kann scheitern. Wie Woody Allen einmal sagte: „Dabeisein ist 80 Prozent des Erfolges.“ Das ist der größte Knackpunkt für WOL-Zirkel.

Ziele zu formulieren fällt schwer. Ich dachte, das sei einfach, aber das ist es nicht. Manche bleiben dabei hängen, ein Ziel auszuwählen, das weder ihre Neugier noch ihr Interesse weckt oder zu groß oder zu klein ist. Das reicht dann nicht, um ihre Motivation zwölf Wochen lang aufrecht zu erhalten.

Die dritte Herausforderung besteht darin, Zeit für die Übungen zu finden. Ich habe bewusst die wöchentliche Agenda so zusammengestellt, dass das Tempo hoch ist und sich niemand langweilt. Dennoch ist die eine Stunde für einige zu wenig Zeit für die Übungen, während andere mehr diskutieren wollen. Manche Zirkel finden da keine Balance und das frustriert Teilnehmer und sie steigen aus.

Für Führungskräfte gibt es eine WOL-Lightversion. Finden Topmanager nie die Zeit, um wie alle anderen auch in einem WOL-Zirkel zu arbeiten?

John Stepper: Es gibt schon einige Manager, die an Zirkeln teilgenommen haben. Aber für die meisten ist ein Zirkel psychologisch kein sicherer Platz und sie haben oft noch mehr Schwierigkeiten, die zwölf Termine zu planen als andere. WOL for Leaders stellt ihnen einen Reverse Mentor zur Seite für zehn 30-Minuten-Sessions. Sie kommen ohne Vorbereitung und Aufgaben zwischen den Meetings aus. Das ist eine Chance, ihnen wenigstens zu zeigen, wie WOL ihnen, ihrer Organisation und dem Unternehmen helfen kann.

Die WOL-Prinzipien setzen eine sehr schenkende, freundliche und großzügige Haltung voraus. Aber manchmal bringt Zusammenarbeit auch Ärger, Frust und Widerspruch mit sich. Wie kann ich mit schlechten Gefühlen umgehen?

John Stepper: Deshalb gibt es den Schwerpunkt Einfühlungsvermögen in Woche 4 und deshalb taucht das Thema noch an anderen Stellen auf, um mit dem Ausbleiben von Reaktionen oder negativen Reaktionen besser umzugehen. Viele der negativen Gefühle sind nur in unserem Kopf, genauer: Sie werden von unseren Reaktionen auf Ereignisse verursacht. Wir können diese beherrschen lernen – beides, um die Absicht der anderen deutlicher zu erkennen und zugleich unsere eigenen Beweggründe. Dann können wir mit mehr Klarheit und Redlichkeit handeln. Einfühlsamer und achtsamer zu werden, verlangt viel Übung. Der Zirkel ist ein guter, sicherer Ort, mit dem Üben anzufangen und er kann helfen, es zur Gewohnheit werden zu lassen.

Wie viele WOL-Zirkel haben Sie selbst schon mitgemacht? Gibt es einen Kurs für Fortgeschrittene, einen Master in WOL?

John Stepper: Ich selbst war in neun Zirkeln und entwickle gerade eine neue Methode für Menschen, die in einem Zirkel waren und jetzt mehr wollen. Ich werde neue, kostenlose Arbeitsblätter veröffentlichen und die ersten Experimente noch in diesem Jahr durchführen.

Was ist Ihr Rat für Anfänger: Was brauche ich, um anzufangen?

John Stepper: Gründe einen Zirkel. Du kannst Freunde oder Leute in den WOL-Gruppen auf Facebook und LinkedIn fragen. Die Mitglieder dort wissen, was WOL ist und eine Anfrage bekommt viel Resonanz aus der ganzen Welt und vielleicht auch aus deiner Nähe.

„Mitgefühl und Großzügigkeit – zwei fundamentale Prinzipien, mit denen #WOL unsere Arbeit verändert“, sagt @johnstepper #jobwizards http://bit.ly/2yJ7Vws

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