Eine elektrische Straßenbahn in Lissabon

Tourismus in Portugal: wie das Land sich neu erfunden hat

Die nach 2011 greifende Sparpolitik bremste die Wirtschaft. Doch schon im Jahr 2014  gingen Portugals Wirtschaftszahlen nach oben. Vor allem der Tourismus entwickelte sich erheblich weiter und vollzog wichtige Schritte für die Zukunft der Branche und des Landes.

Vom Sorgenkind in den Schlagzeilen der Finanzpresse wurde Portugal zu einem Reiseziel, das Rekorde bei den Übernachtungs-, Besucher- und Umsatzzahlen brach. 2018 machte der Tourismus 8,2 Prozent des nationalen BIP aus – ein Anstieg um 2 Prozentpunkte gegenüber 2014 auf insgesamt 16,6 Milliarden Euro. Dieser Anstieg profitiert deutlich von den aktuellen Trends im Bereich Reisen und Tourismus: die Zahlen haben sich in sieben Jahren verdoppelt. Heute stellt der Tourismus den größten Wirtschaftszweig des Landes dar und profitiert von den aktuellen Trends ihrer Branche.

Hebel der Innovation

Die Entwicklung Portugals zu einem Land, das weit zurückreichende Geschichte und historischen Sehenswürdigkeiten mit wegweisender Innovation verbindet, sorgte für steigende Besucherzahlen. Allein 2018 besuchten 27,4 Millionen Touristen das Land.

Diese Entwicklung stieß aber auch auf Kritik. In Lissabon haben Staus, steigende Mieten und die hohen Besucherzahlen in einigen historischen Stadtvierteln zum Beispiel dazu geführt, dass nur 25 Prozent der verfügbaren Wohnungen privat an Besucher vermietet werden dürfen.

Um diese Konjunktur optimal auszuschöpfen, wurde die Strategie „Tourismus 4.0“ entwickelt. Diese zielt darauf ab, die Trends im Gastgewerbe zu nutzen, die Gründung neuer Unternehmen zu fördern und bestehende, meist KMUs, zu modernisieren.

Die Strategie wird zwischen dem Wirtschaftsministerium, dem Staatssekretär für Tourismus und Turismo de Portugal koordiniert. Allein in diesem Jahr verfügt es über einen Etat von mehr als 1,5 Millionen Euro für die Unterstützung von 450 Startups.

Die wichtigsten Initiativen sind das Tourismus-Innovationszentrum (Centro de Inovação do Turismo), das Tourism Digital Forum und das FIT-Programm (Fostering Innovation in Tourism). Damit hat Turismo de Portugal ein Partnernetz mit 40 Inkubatoren zur Gründung neuer Unternehmen und zur Unterstützung ihrer Teilnahme an internationalen Messen geschaffen.

Derzeit werden mehrere Initiativen vorbereitet, die Unternehmen Bewerbungsmöglichkeiten eröffnen – angefangen von Madeira Startup Retreat, das acht Startups für ein zweimonatiges Programm mit Fördermitteln in Höhe von 4.000 Euro auswählt, bis hin zu Tourism Up, From Start to Table, Lisbon Challenge Fall und Tourism Explorers.

Das Beispiel von Vila Galé

In der Hotellerie, eine der führenden Branchen in der Digitalisierung, wurde Vila Galé im Bericht Customer Experience Excellence von KPMG wegen seiner Strategie besonders hervorgehoben. Die Kommunikation mit dem Gast ist der sichtbare Aspekt des Einsatzes von Technologie im Hotel, doch der größte Wandel fand im Innern statt. Dafür schaffte das Unternehmen viele Papierformulare ab, von der Rechnungsfreigabe bis zur Urlaubsplanung, und gab den Mitarbeitern die Möglichkeit, Wartungsprobleme, zum Beispiel bei einer Tür oder einem Raum, über ihr Smartphone zu erfassen. „Die Reaktionszeiten bei der Bearbeitung von Vorkommnissen wurden effektiver“, erklärt Geschäftsführer Gonçalo Rebelo de Almeida. Dadurch hat sich die Zahl der von Gästen gemeldeten Fälle „erheblich verringert“.

Doch auch den Gästen gegenüber dreht sich im Vila Galé alles um Einfachheit. So wird das Hotel ein neues Kundenportal, Vila Galé My Stay, einführen, um seine Abläufe zu konsolidieren. Dieses Tool ermöglicht das Einchecken, Auschecken, Zimmerservice-Bestellungen, Spa-Reservierungen, das Abrufen von Rechnungen und Speisekarten, Nicht-Stören-Hinweise, und den Kontakt zur Rezeption. „Der Gast erhält vor dem Check-in die E-Mail zum Einloggen und von da an ist alles unter dieser Webadresse verfügbar. Dieser Service macht jede Reise noch erholsamer“, erklärt Rebelo de Almeida.

Bei der Benutzeroberfläche der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geht das Unternehmen ebenso vor. „Bereits jetzt haben wir eine Seite, auf der die Angestellten die Schichtpläne einsehen und ihren Urlaub planen können. Auf einer anderen Seite reichen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verbesserungsvorschläge ein. „Wir bauen die einzelnen Teile so auf, dass es ein Kundenportal und ein Mitarbeiterportal gibt, die den gleichen grafischen Aufbau haben.“

Die Digitalisierung bestand aus mehreren Phasen, darunter eine mobile App, deren Entwicklung jedoch aufgegeben wurde, als man erkannte, dass Gäste für gelegentliche Aufenthalte keine App herunterladen wollen. Stattdessen entwickelte das Hotel eine reaktionsschnelle Website und wechselte zum Web-App-Format.

Vila Galé entschied sich auch für ein maßgeschneidertes Enterprise-Ressource-Planning-System, kurz ERP. Diese hilft bei allen administrativen, internen Aufgaben der Verwaltung.  Die Startup-Firma Infraspeak, einem der von Turismo de Portugal für die internationale Vermarktung ausgewählten Unternehmen, entwickelte das System.

Das Vila Galé liefert nur ein Beispiel von vielen für die fortschreitende Digitalisierung im portugiesischen Tourismussektot. Weitere Trends in der Hoteltechnik sind Robotic-Processing-Automation-Lösungen, die beispielsweise Systemausfälle melden und so die Wartung unterstützt, mehr noch die Reparatur beschleunigt. Dadurch ermöglich sie den Mitarbeitern, mehr Zeit mit der Betreuung der Gäste und weniger mit Routineaufgaben zu verbringen – ein Thema, in den die  Pestana Hotel Group investiert hat. Es gibt auch Unternehmen, die sich mit dem Internet der Dinge und biometrischer Erkennung befassen, zum Beispiel im Gastronomiebereich auf Kreuzfahrtschiffen.

Infografik zur Entwicklung des Tourismus Markt in Portugal der letzten fünf Jahre

Die Entwicklung im portugiesischen Tourismus-Markt

Startups machen den Sprung nach vorn

„Der Tourismus in Portugal befindet sich in einer Phase, die es vor zehn Jahren noch nicht gab“, sagt Djalmo Gomes, Mitbegründer und CEO des Startups Live Electric Tours. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet, um Touren in Elektroautos anzubieten, die mit einer selbst entwickelten Livestreaming-Technologie verbunden sind. „Die Nachfrage ist enorm, Portugal gewann 2017 und 2018 in Folge den World Travel Award als „weltweit bestes Reiseziel“. Von daher möchten die Leute Lissabon näher kennenlernen“, erklärt der Manager. Er war einer von vielen, die aus dem Ausland ins Land zurückkehrten und Unternehmen gründeten, um aus den sich bietenden Trends in der Tourismusbranche Kapital zu schlagen. „Lissabon ist heute mehr als eine Reise wert. Viele Unternehmer kommen und bleiben. Was maßgeblich mit dem Wachstum des  zu tun hat. Insofern sehen Firmen Unternehmergeist als eine Form der Innovation“.

Eine digitale Tour durch Lissabon

Ein Beitrag von Tourism Explorers, einem der Programme von Turismo de Portugal, katapultierte das Startup 2017 zum Erfolg. „Damit erkannten wir, dass das Produkt den nötigen Rückhalt hatte, um erfolgreich in den Markt einzusteigen“, erklärt Djalmo Gomes. Damals „gab es noch keine Lösung, damit die Touristen die Stadt nachhaltig und schnell kennenlernen und gleichzeitig vernetzt sein konnten, um das Erlebnis zu teilen“. Die Zielgruppe sind Touristen, die Städtetrips machen und in zwei Tagen die Stadt kennenlernen können, ohne auf öffentliche Verkehrsmittel, Reiseleiter oder teure private Transportmittel angewiesen zu sein. Die 16 Renault Twizy der Flotte verfügen über einen GPS-Audio-Guide und eine Kamera, um live in sozialen Netzwerken zu posten.

Der portugiesische Staatssekretär für Tourismus und Turismo de Portugal haben das beispielhafte Unternehmen gefördert, das 700.000 Euro von Portugal Ventures erhielt und bei den StartUp Europe Awards ausgezeichnet wurde, um zu zeigen, wie Innovationen in diesem Sektor aussehen können. Gomes ist der Ansicht, dass in den traditionellen Betrieben „ein Erwachen für die Digitalisierung stattfindet“. Dies zeigt sich zum Beispiel im Landesinneren, wo die Museen gerade die Interaktivität weiter ausbauen.

Portugal via App erkunden

Durch den Fokus auf das Erlebnis der Touristen wird Portugal sich abheben, glaubt João Moedas, CEO von CityGuru. Dieses Startup hat eine Art Uber für Reiseleiter konzipiert. Mit dieser App können Besucher sehen, ob es Reiseleiter in ihrer Nähe gibt, mit denen sie in zehn Minuten eine Tour machen können. „Dies entspricht ganz der On-Demand-Wirtschaft“, resümiert der Geschäftsführer, der ebenfalls vor einigen Jahren nach Portugal zurückgekehrt ist. Das Nachdenken über das Erlebnis und Leben außerhalb des Hotelzimmers ist ein wichtiger Trend in der Tourismusbranche, doch bisher wird dies nur von wenigen verstanden, sagt er. „Das Erlebnis, einen Ort zu besuchen, besteht nicht aus dem Hotel, in dem man absteigt“, erklärt Moedas. „Was Reisende in Erinnerung behalten, ist nicht das Bett, in dem sie geschlafen haben, sondern die Erlebnisse und das kulturelle Leben auf der Straße.“ Das ist es, was Portugal neu erfinden will.

Von den traditionellen Betrieben bis hin zu Startups hat sich Portugal heute mehr denn je der Innovation und #Digitalisierung im #Tourismus verschrieben. http://bit.ly/2YCFRHp

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