Frau liegt erschöpft auf dem Sofa mit Tablet in der Handy

Ständige Erreichbarkeit war gestern. Jetzt ist Feierabend!

Die Millennials kommen! Geboren in den 80er- und 90er-Jahren und eher mit Fragen zu Work-Life-Balance und Sinnhaftigkeit der Arbeit beschäftigt als sich Boni durch 70-Stunden-Wochen zu erarbeiten. Das führt sogar dazu, dass Firmen nun ihren Mitarbeitern den Feierabend und das freie Wochenende geradezu verordnen. Schießt das übers Ziel hinaus?

Uwe Hück, Betriebsratschef von Porsche, macht Druck – und zwar auf die Belastungen, denen Angestellte ausgesetzt sind, wenn sie das Gefühl haben, ständig erreichbar sein zu müssen, also nie ganz abschalten können, um Freizeit zu genießen. Die strikte Anweisung lautet: Zwischen 19 Uhr und 6 Uhr sowie wochenends und im Urlaub werden die Mailkonten von Mitarbeitern gesperrt. Hück sagt: „Der Fachkräftemangel wird sich verschärfen, die Suche nach Mitarbeitern wird immer schwieriger, also muss man doch die Belegschaft hegen und pflegen, damit sie möglichst lange im Unternehmen bleibt. Abends noch Mails vom Chef lesen und beantworten ist unbezahlte Arbeitszeit, die den Stress erhöht. Das geht gar nicht.“

Er fürchtet massenweise Burnouts, wenn hier nicht gehandelt wird. Im Gegensatz zu tariflich Beschäftigten sollen Führungskräfte allerdings auch abends noch Mails bekommen und auf diese bitte auch reagieren: „Wer als Manager einen hohen Bonus bekommt, der kann auch abends noch eine Mail beantworten.“ Entsteht so vielleicht eine Zweiklassengesellschaft von denen, die Abends nicht arbeiten dürfen und denen, Immer-zur Verfügung-stehen müssen? Wäre eine Regelung, die besagt, dass Menschen eigenverantwortlich flexibler mit ihrer Arbeitszeit umgehen können vielleicht die vernünftige Schlussfolgerung?

„Work-Life-Balance ist ein schwacher Ausdruck. Es ist eigentlich ein Kreis und keine Balance“ ´Jeff Bezos #jobwizards #worklifebalance #newwork http://bit.ly/2l2n6al

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Eine ganze Branche denkt um. Und jeder auf seine Art.

Wie verhält sich der Mutterkonzern Volkswagen zum Thema?

Hier können Tarifbeschäftigte wochentags von 18 Uhr bis 6 Uhr und an den Wochenenden einstellen, dass keine Dienstmails eingehen und versendet werden. Diese Mails werden aber nicht gelöscht. Man sieht das bei VW wie ein Funkloch, das man sich selbst schafft. Hück will das System für Porsche verschärfen und kommentiert: „Was nützt dir eine Mailsperre, wenn du ins Büro kommst und erstmal Unmengen Mails abarbeiten musst?“ Wer also am Feierabend Porsche-Tarifarbeiter anmailt, bekommt eine Nachricht, dass seine Mail gelöscht wurde und er muss sie innerhalb der üblichen Arbeitszeit erneut versenden. Selbstverständlich gibt es auch hier Ausnahmen, denn wer beispielsweise mit Märkten in anderen Zeitzonen kommuniziert, würde durch diese Regelung große Probleme bekommen.

Bei BMW gilt das Recht auf Nichterreichbarkeit nach Feierabend, im Urlaub und am Wochenende. Die Mails werden aber nicht blockiert oder gelöscht. Beim Konkurrenten Daimler wird die Achtung des Feierabends gefördert, aber nicht gefordert. Die Angestellten können ihr Mailkonto so einstellen, dass Mails im Urlaub automatisch gelöscht werden und der Absender informiert wird. Das soll jeder Einzelne für sich entscheiden können.

„Work-Life-Blending ist die neue Work-Life-Balance.“

Es gibt leider einige eher gut gemeinte als gute Maßnahmen im HR-Management. Dem nächtlichen Abschalten von Mail-Servern stehen viele kritisch gegenüber, weil sie die Möglichkeit der Einschränkung von Mitarbeitern sehen. Dann kann eben nicht jeder so arbeiten, wie es zu seinem Leben passt. Arbeitssysteme und Unternehmensstruktur sollten also so angepasst werden, dass die Mitarbeiter selbstbestimmt über Arbeitszeit und
-ort entscheiden können. In eine ähnliche Richtung gehen die Überlegungen von Amazon-Chef Jeff Bezos.

„Wenn ich zuhause glücklich bin, dann komme ich mit einer ungeheuren Energie ins Büro.“

So beschreibt Amazon-Geschäftsführer Jeff Bezos sein Prinzip, wie er mit Lust und Antrieb ins Büro geht. Er ergänzt das Gesamtbild so: „Und wenn ich auf der Arbeit glücklich bin, dann habe ich auch zuhause eine enorme Energie. Du willst einfach nicht der Typ sein – und jeder kennt einen Mitarbeiter, der so drauf ist –, der in ein Meeting kommt und die gesamte Energie aus dem Raum saugt. Du willst ins Büro kommen und jedem einen gewissen Auftrieb verleihen.“ So empfindet er den Begriff Work-Life-Balance als nicht ausreichend. „Es ist meiner Meinung nach ein schwacher Ausdruck, denn er impliziert, dass es sich hierbei um einen Tausch handelt.“ Statt Arbeit und Privatleben als einen Balanceakt wahrzunehmen, sei es produktiver, beide als zwei integrierte Teile zu sehen. „Es ist eigentlich ein Kreis, keine Balance, die gehalten werden muss“, sagt Bezos, der eine Harmonie von Arbeits- und Berufsleben anstrebt. Das versucht er seinen Mitarbeitern nahezubringen, vom neuen Mitarbeiter bis zur altgedienten Führungskraft.

Waage mit Aussagen zur Work Life Balance

Millenials fordern zunehmend mehr Flexibilität im Beruf um ihr Leben zu managen

Immer erreichbar! Fluch und Segen.

Wie bekommen wir den besten Ausgleich hin? Kann man doch besser Druck rauszunehmen, indem man Probleme nicht auf die lange Bank schiebt und erreichbar ist? Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin sagt: „Auf der einen Seite ist eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf möglich. Auf der anderen Seite kann die Erholung völlig auf der Strecke bleiben. Das ist also Fluch und Segen zugleich. Das kann dann unter Umständen schwerwiegende Folgen für die Mitarbeiter haben, sowohl gesundheitlicher Art, aber auch für das soziale Umfeld.“ Sein Vorschlag lautet: „Dem entgegenwirken können klare Regelungen zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten, beispielsweise Vereinbarungen zu klaren Übergaben oder Rufbereitschaften.“ Christiane Benner, IG Metall-Vorstand und Mitglied im Aufsichtsrat von Automobilzulieferer Continental, meint: „Vereinbarungen auf betrieblicher Ebene sind zu begrüßen. Voraussetzungen sind aber oft ein bereits gutes Arbeitsklima und eine gute Unternehmenskultur.“ Sie sieht hier auch die Gesetzgebung in der Pflicht: „Ich könnte mir vorstellen, dass man Eckpunkte formuliert, die am Ende in ein Gesetz fließen könnten. Es geht darum, das Recht auf Abschalten zu verankern und der Entgrenzung der Arbeit Einhalt zu gebieten.“

Feierabend mitten am Tag

Für manche ein unerreichbares Ideal, für andere eher eine unwillkommene Arbeitsunterbrechung: das Mittagsschläfchen. Wer sich mitten im Arbeitstag zu einem kurzen Schlaf oder einer bewussten Ruhepause zurückzieht, galt lange als nicht belastbar oder nicht leistungsbereit. Google hat in vielen seiner Büros sogenannte Sleep Pods eingerichtet. Man legt sich auf eine Liege, zieht eine kleine Kuppel über den Kopf und verabschiedet sich mal für ein kleines Schläfchen; wer mag, kann Entspannungsmusik dabei hören.

Die Londoner Onlinemarketing-Agentur Reboot hat einen Raum eigens dafür hergerichtet, sich zu einer Ruhepause zurückziehen zu können.

Der Neurologe Matthew Walker, Autor von Why we sleep: The New Science of Sleep and Dreams, sieht eine globale Schlafentzug-Epidemie. Die Forschung zeigt, dass wir durchschnittlich deutlich weniger schlafen als frühere Generationen. „Wir verbringen mehr Zeit beim Pendeln und Arbeiten, das hält uns wie eine feste Zange im Griff. Es gibt keinen Aspekt körperlicher und geistiger Gesundheit, dessen Wert nicht davon abhängt, genug Schlaf zu bekommen.“

Arianna Huffington, die Gründerin der Huffington Post, hat nach einem Erschöpfungskollaps sogar ein Buch namens The Sleep Revolution geschrieben. Sie fordert: „Wie wir über Schlaf und seinen Wert reden, ist ein wichtiger Teil unserer aktuellen kulturellen Veränderungen.“

Ob tagsüber, am Abend oder wochenends – Abschalten ist wichtig. Wieviel Reglementierung brauchen wir, um Menschen vor dem Burnout zu bewahren? Um ausgeglichenen Menschen die Grundlage zu schaffen, gern engagiert zu arbeiten? Und letztlich auch betriebswirtschaftlichen Nutzen für das Unternehmen daraus zu ziehen? Das muss jede Firma selbst im Praxistest herausfinden.

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