Hand hält eine Pinzette mit Mikrochip

Mehr Freiheit durch Big Brother?

Beim Start-up-Hub „Epicenter“ in Stockholm tragen Mitarbeiter einen RFID-Chip unter der Haut. Dieser ist ihr Schlüssel für das Büro, ihre Kopierkarte, ihr Zugang zum Getränkeautomaten. Grandiose Innovation oder der Beginn grenzenloser Überwachung? Aber so ein RFID-Chip könnte noch viel mehr. Was lässt sich im Alltag noch erleichtern? Und wo werden die Grenzen der Überwachung überschritten?

Die RFID-Chips erfüllen bisher die Aufgaben eines herkömmlichen Schlüssels oder einer Schlüsselkarte und ebenso die von EC-Karten. Auch eine Visitenkarte kann per Bluetooth auf Smartphones übertragen werden. Alles, was man tun muss, ist, mit dem Chip über einen Sensor zu streichen, und schon öffnet sich die Tür, reagiert der Kopierer oder Drucker, weiß die Kasse in der Cafeteria, welches Getränk man gerade kaufen möchte. Beim Epicenter Stockholm gibt es viele begeisterte Träger des RFID-Chips. Man kann ihn sich bei Firmenpartys unkompliziert implantieren lassen.

Nach der Firmenparty mit einer Wischbewegung Türen öffnen

Jowan Osterlund von „Biohax Sweden“, der sich gern als „Bodyhacker“ bezeichnet, nimmt den Eingriff vor. Er sagt: „Der nächste Schritt für die Anwendung elektronischer Geräte ist der in den Körper hinein.“ Die RFID-Chips, die er für das Epicenter Stockholm immer zwischen Daumen und Zeigefinger implantiert, haben die Größe eines Reiskorns. Bisher haben schon über 150 Mitarbeiter mitgemacht. „Ich will Teil der Zukunft sein“ und „Ich verliere eigentlich ständig Schlüssel und Kreditkarten, jetzt nicht mehr“ lauten Kommentare von zufriedenen Trägern des Chips. Weltweit wird deren Anzahl auf etwa 10 000 geschätzt. Immer mehr Menschen kommen in den Genuss der zahlreichen mit dem Chip verbundenen Vorteile.

Wer bekommt Zugang zu welchen Infos?

Und welche Nachteile bringt diese Innovation mit sich? Ben Libberton, Mikrobiologe am Stockholmer „Karolinska Institutet“, einem der profiliertesten medizinischen Forschungsinstitute der Welt, sagt: „Je höher entwickelt die Mikrochips sind, desto größer werden die ethischen Probleme.“ Hacker könnten große Mengen an Informationen auslesen, was zumal deshalb ein sensibles Thema ist, weil im Chip mehr persönliche Infos als in Smartphones gespeichert werden könnten. Libberton warnt: „Das können Gesundheitsdaten sein, Arbeitszeiten oder ein sehr genaues Tracking des Aufenthaltsorts. Das wirft Fragen auf, zum Beispiel: Wer bekommt Zugang zu den Infos? Und was macht derjenige damit?“
Stephen Ratcliffe, Partner im Employment and Compensation Department bei der internationalen Kanzlei Baker & McKenzie in London, meint: „Angestellte werden skeptisch das Potenzial von Missbrauch im Auge haben, sei es bezüglich illegaler Kopien, wie sie schon bei kontaktlosen Kreditkarten möglich sind, oder wegen unangemessenen Nachspürens hinsichtlich ihres Aufenthaltsorts und weiterer persönlicher Daten.“ Eine Akzeptanz durch Angestellte auf breiter Front sieht er für die nahe Zukunft nicht: „Mit Blick auf die zunehmende Abwehrhaltung sehe ich es als unwahrscheinlich an, dass Angestellte gern mitmachen, solange sie keinen deutlichen materiellen Vorteil darin sehen.“

Große Vereinfachung für Mitarbeiter im Büro. Und die Privatsphäre?

Sein Kollege Dr. Hagen Köckeritz, in Frankfurt Partner im Bereich Arbeitsrecht, wägt ab: „RFID-Chips erleichtern den Alltag von Angestellten um einiges. Missbrauch durch Diebstahl und Fälschung von Karten, gerade in sensiblen Bereichen, könnte dadurch potenziell reduziert werden. Gleichzeitig riskieren Angestellte einen Teil ihrer Privatsphäre aufzugeben, wenn ihr Aufenthaltsort dem Arbeitgeber immer bekannt sein kann. Man kann sich im Gegensatz zum Gebrauch von Karten nie zwischendurch mal zurückziehen.“ Trotzdem sieht er für den zunehmenden Gebrauch von RFID-Chips eine Zukunft: „Schon heute werden sensible persönliche Daten wie Fingerabdruck und Gesichtsphysiognomie auf Ausweisen gespeichert. Bald wird der genetische Fingerabdruck dazukommen. Der Sprung zur Implantierung von RFID-Chips in den Menschen ist da nicht allzu groß.“

Wer hat Zugang und wer kann sich unrechtmäßig Zugang verschaffen?

Patrick Mesterton, CEO des Epicenters Stockholm, bekennt: „Auch ich habe mich beim ersten Mal sehr überwinden müssen. Das ist natürlich ein großer Schritt, so etwas in den Körper aufzunehmen.“ Bedenken, damit zum halben Cyborg zu werden, kommentiert er mit dem Hinweis: „Niemand hat ein Problem damit, dass Menschen Herzschrittmacher eingesetzt bekommen. Das ist viel schwieriger als bei so einem Chip, der Daten an ein Lesegerät sendet.“ Hannes Sjöblad, Chief Disruption Officer beim Epicenter Stockholm, sieht eine große Vereinfachung durch die Einführung der neuen Datenträger: „Heute ist das ja alles etwas chaotisch mit den PIN-Codes und Passwörtern. Wäre es nicht einfacher, wenn man nur ein Lesegerät mit der Hand berühren müsste? Wir wollen die Technologie auch verstehen, bevor große Firmen oder Regierungsstellen auf uns zukommen und sagen, dass so einen Chip bitte jeder haben soll – den Steuer-Chip, den Google-Chip, den Facebook-Chip.“

RFID-Chips für Mitarbeiter: Erst muss Technologie verstanden werden, dann kann sie genutzt werden. #jobwizards http://bit.ly/2y9I2U4

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Von der freien Wahl zur Pflicht: Jeder soll einen RFID-Chip haben!

In Bezug auf eine mögliche Pflicht zur Implantierung sagt Julia Wilson, Partner im Employment and Compensation Department von Baker & McKenzie in London: „Das würde Gesetzesänderungen erfordern. Ich denke, dass der Gesetzgeber noch ein großes Stück davon entfernt ist, die Verpflichtung von Angestellten zur Implantierung zuzulassen.“

Die Zukunft der Speicherung persönlicher Daten liegt in unserer Hand – im doppelten Sinne

Bei der belgischen Marketingfirma NewFusion kann man wählen, ob man sich den Chip unter die Haut setzen lässt oder ihn als Ring trägt. Tim Pauwels, Managing Partner von NewFusion, trägt selbst den Chip unter der Haut. Er meint: „Jeder Nutzer kann über sein eigenes Smartphone die Apps herunterladen und darüber diejenigen Daten einspeisen, die er auf dem Chip speichern möchte. Einer unserer Entwickler hatte davon gelesen, dass es Menschen gibt, die einen Chip aus medizinischen Gründen unter der Haut tragen. Wir waren ganz begeistert und es machte Sinn für unseren Bereich. Die Idee haben wir innerhalb von sechs Monaten auf den Weg gebracht.“ Tim Pauwels sieht neben dem Speichern von Gesundheitsinformationen das Potenzial, den Chip für die Aktivierung der Alarmanlage daheim, als Zündschlüssel für das Auto oder auch für eine ticketfreie Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu verwenden.

Spagat zwischen Effizienz und Überwachung

Das US-Militär überlegt schon länger, Soldaten per RFID-Chip mit GPS auszustatten, um ihre Bewegung nachvollziehen zu können. Einen anderen Verwendungszweck hat „Paralelní Polis“ im Sinn, eine gemeinnützige Einrichtung in Prag, die unter anderem ein „Institute of Cryptoanarchy“ und ein Café betreibt. Interessierte bekommen dort einen 12×12 mm großen RFID-Chip implantiert, mit dem sie neben dem Türöffnen auch die Handyentsperrung und Einkäufe (zurzeit nur mit Bitcoins) erledigen können. Jan Hubik von Paralelní Polis äußert sich begeistert: „Die Zahl der Interessenten wächst rapide. Man kann sich die Chips auch selbst einsetzen. Das ist sehr einfach.“ Die Macher von Paralelní Polis kommen aus der Hackerszene und sehen im Einsatz der RFID-Chips einen Schritt in eine freie Gesellschaft, die sich gegen Zensur und Überwachung positioniert. Sind die RFID-Chips also doch eher ein Segen für freiheitsliebende Menschen oder eine Entwicklung in Richtung Big Brother? Was ist möglich und was ist ethisch vertretbar? Welche Vorteile überzeugen uns so sehr, dass wir Nachteile in Kauf nehmen? Wir haben diesen Beitrag mit Fragen begonnen und können nicht anders, als ihn mit Fragen zu beenden.

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