Industry 4.0: Illustration zeigt Angst vor der Digitalisierung am Arbeitsplatz

Industrie 4.0: Vom Sklaven der IT zum Kapitän der Arbeit.

Die Arbeitswelt ändert sich rasant. Pessimisten erwarten, dass bald Roboter den Takt bestimmen. Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer über die Sorge, zum Sklaven der Technik zu werden und was jeder tun kann, um eine neue Unternehmenskultur zu fördern.

Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer

Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer
Arbeitspsychologin Sibylle Bräuer arbeitet seit vielen Jahren als Karriereberaterin mit Führungskräften und Berufseinsteigern, u. a. für P4 Career Consultants und von Rundstedt. Dabei ist sie mit den Veränderungen der Arbeitswelt und neuen Anforderungen an die employability konfrontiert.
(Photo: Frank Krems)

Sibylle Bräuer – Arbeitspsychologin

Callcenter mit automatisierten Warteschleifen, an denen man nicht vorbeikommt. Logistik-Computer, die Arbeitern den Takt vorgeben, wann welche Ware aus welchem Regal zu holen ist. Da kann man sich als Mensch schon mal machtlos fühlen.

Sibylle Bräuer:
Wohl wahr. Es gibt gerade sehr viele neue Entwicklungen, Innovationen und Optionen, die auf Unternehmen und Kunden einströmen. Tatsächlich bergen Sprachassistenten und intelligente Datenerhebung, Datenauswertung und Digitalisierung ein immenses Potenzial für Optimierungen aller Art. Um sich zwischen intelligenten Maschinen, Robotern und Algorithmen nicht klein und unfähig zu fühlen, ist es für Menschen wichtig, am Arbeitsplatz das Gefühl von Selbstwirksamkeit zu erleben.

Was genau ist mit Selbstwirksamkeit gemeint?

Sibylle Bräuer:
Selbstwirksamkeitsüberzeugung, so der korrekte wissenschaftliche Begriff, ist die innere Überzeugung, dass ich fähig bin, etwas zu lernen oder eine bestimmte Aufgabe auszuführen. So habe ich als Person das Gefühl und die konkrete Möglichkeit, gezielt Einfluss auf bestimmte Dinge zu nehmen, z.B. auf meine Karriere und meinen Arbeitsplatz.

Dann ist Selbstwirksamkeitsüberzeugung auch ein zentraler Motor für Erfolg in der Arbeitswelt?

Sibylle Bräuer:
Ja genau. Diese Überzeugung ist bei Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt und Studien zeigen, dass eine hohe Selbstwirksamkeit mit beruflichem Erfolg korreliert. Bin ich von meiner Kompetenz überzeugt, bringe ich mehr Selbstbewusstsein, Mut und aktive Gestaltungsfreude mit an den Arbeitsplatz. Eigenschaften, die zunehmend gefragt sind. Wenn Maschinen, Roboter und künstliche Intelligenz viele unserer Aufgaben übernehmen, können und sollten wir Menschen andere und neue Aufgaben übernehmen.

Aber funktioniert das so einfach? Braucht man dazu nicht digitales Fachwissen?

Sibylle Bräuer:
Man spricht heute von Digitalkompetenz. Digital kompetent ist, wer mit verschiedenen Endgeräten wie Computer, Tablet, Smartphone oder anderen umgehen und kommunzieren kann. Höhere Stufen digitaler Kompetenz meinen die Fähigkeit, Programme modifizieren zu können. Oder sogar selbst Programme schreiben zu können. Privat sind ja schon Milliarden von Usern digital unterwegs.

Und in der neuen Arbeitswelt – wie sieht es da aus?

Sibylle Bräuer:
Auch da gibt es schon viele beeindruckende Beispiele, wie Arbeiten und Aufträge durch digitale Prozesse optimiert werden. Denken wir an riesige Maschinen, die während der Ernte Temperatur, Luftfeuchtigkeit und viele andere Daten erfassen, um dann die optimale Weiterverarbeitung der geernteten Produkte zu berechnen und umzusetzen. Medizinische Geräte, die in einem Prozess Daten erfassen und Diagnosen stellen. Oder komplizierte Operationen sehr viel präziser und schonender durchführen als jeder Chirurg.

Pessimisten rechnen mit der Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Roboter und Algorithmen. Optimisten schätzen die vielen neuen Innovationen und nutzen sie.

Sibylle Bräuer

Das heißt, wir werden uns in Zukunft zunehmend auf Maschinen, Roboter und Algorithmen verlassen?

Sibylle Bräuer:
Wir sollten uns nicht auf sie verlassen, sondern sie aktiv nutzen. Es gibt unterschiedlichste Szenarien und Expertenmeinungen, wie schnell, wie umfassend und mit welchen Konsequenzen für uns Menschen die digitale Revolution voranschreiten wird. Wer sklavisch an der analogen Welt festhält, dem kann es möglicherweise schon bald passieren, dass er nicht mehr am Arbeitsleben teilhaben kann. Und auch nicht am gesellschaftlichen Leben. Wer heute nicht mit einem Smartphone kommuniziert, nimmt bereits eine stark eingeschränkte soziale Reichweite in Kauf.

Worauf sollten Führungskräfte in diesen Zeiten aus psychologischer Sicht besonders achten?

Sibylle Bräuer:
Auch wenn es verlockend scheint, an Altem und Bewährtem festzuhalten, weil ja noch niemand genau weiß, wohin die gigantischen digitalen Veränderungen führen werden – es ist immens wichtig, sich intensiv mit den neuen digitalen Herausforderungen zu beschäftigen. Vor allem sollten Führungskräfte ihre Mitarbeiter ermutigen und unterstützen, eine solide Digitalkompetenz zu erwerben. Und sich selbst in diesem Bereich natürlich ebenfalls informieren und weiterbilden.

Und wenn ich bis jetzt wenig Zeit und Gelegenheit dazu hatte, genau das zu tun?

Sibylle Bräuer:
Dann ist der richtige Zeitpunkt jetzt gekommen. Egal, mit welchem aktuellen Wissensstand – das Gute ist, dass man jederzeit einsteigen kann. Die digitale Welt ist ja keine Zauberei. Selbst wenn ich gerade nicht so viel davon verstehe, sollte ich mich von Schlagworten wie Big Data oder Industrie 4.0 nicht einschüchtern lassen. Sondern stattdessen sehen, dass ich privat schon ganz selbstverständlich digital unterwegs bin. Im Netz gibt es viele Möglichkeiten, sich in Eigeninitiative fortzubilden: zum Beispiel durch verschiedene E-Learning Programme, Tutorials oder Barcamps. Wichtig ist, beim Erobern dieses neuen Terrains nicht zu kapitulieren, sondern das Zutrauen zu haben, dass ich herausfinden kann, was mich weiterbringt.

Welches Wissen kann mir für die Arbeitswelt von morgen noch weiterhelfen?

Sibylle Bräuer:
Es geht weniger um spezifisches Wissen als viel mehr um die innere Bereitschaft, Neues zu lernen, digitales Terrain zu erobern und zum Beispiel im ersten Schritt die vielen branchenübergreifenden, aber auch branchenspezifischen Informationen und Plattformen kennen zu lernen und zu nutzen, die heute schon im Netz verfügbar sind. Die Bereitschaft zum Lernen ist die wichtigste Basis, um handlungsfähig zu bleiben und die digitalen Chancen, die sich heute bieten, auch zu nutzen.

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