Ein junger Kollege hilft seinem Chef mit neuen Technologien

Gebt dem Nachwuchs das Kommando. Wie funktioniert Reverse Mentoring in der Praxis? (Teil II)

Wenn Führungskräfte von jungen Kollegen beim Reverse Mentoring lernen, verändert das einiges. Als erstes natürlich die Fähigkeit, Social Media Tools in der Praxis zu nutzen. Als zweites aber auch die Sicht auf das Unternehmen, auf den Nachwuchs, auf die Zielgruppen von morgen. Auch die Robert Bosch GmbH praktiziert diese Form der Weiterbildung in Sachen Digitalisierung. Wir haben ein Tandem gefragt, wie das für sie funktioniert hat.

Gebt dem Nachwuchs das Kommando. Wie Alt und Jung im digitalen Unternehmen voneinander lernen (Teil I)
Starten Sie mit Teil 1 des Artikels: Gebt dem Nachwuchs das Kommando. Wie Alt und Jung im digitalen Unternehmen voneinander lernen (Teil I)

Portrait

Benedikt Elser, Mentor
• Referent für Unternehmenskomm-unikation, Standort Schwäbisch Gmünd
• 27 Jahre
• seit 2015 bei Bosch

Jörg Stätter, Mentee
• Leiter Logistik, Werk Schwäbisch Gmünd
• 57 Jahre
• seit 2008 bei Bosch

Das Reverse-Mentoring-Programm wurde der bei Robert Bosch GmbH 2012 gestartet – parallel zur Einführung der Social-Network-Plattform Bosch Connect, die auf IBM Connections beruht. Zu den ersten Mentees gehörten die Geschäftsführer Dr. Markus Heyn und Christoph Kübel. Nach einer Pilotphase in der Zentrale wurde das Programm an die Personalabteilungen weltweit übergeben. Seitdem haben bereits mehr als 600 Teams das Programm genutzt. Reverse Mentoring startete als offizielle Weiterbildungsmaßnahme und gehört zu den Leadership-Seminaren für Führungskräfte bei Bosch.

Eine Führungskraft in der Logistik und ein Berufsanfänger aus der Kommunikationsabteilung – wie haben Sie sich als Reverse-Mentoring-Tandem gefunden? Kannten Sie sich schon vorher?

Jörg Stätter: Ich habe das Programm im Intranet entdeckt und fand es wichtig, schnell mehr über Bosch Connect, Facebook und andere digitale Tools zu lernen, um damit in Zukunft arbeiten zu können. Wir sind erst seit 2015 ein reines Bosch-Unternehmen. Ich wollte Anschluss an die digitale Arbeitsweise bekommen, die bei Bosch weltweit Standard ist. Deshalb habe ich mich sofort dafür beworben. Meinen Mentor kannte ich vorher nicht.

Benedikt Elser: Das Programm wurde von meiner Abteilung betreut, da habe ich mich gleich bereit erklärt, Mentor zu werden. Für die Bewerbung musste ein Fragebogen ausgefüllt werden: Was möchte man lernen, was interessiert einen bzw. was kann man, wo weiß man viel? Das hat der Reverse-Mentoring-Beauftragte der Personalabteilung ausgewertet und mit diesen Grundinformationen die Teams zusammengestellt. Es wurde darauf geachtet, dass Funktionen und Abteilungen eine produktive Mischung ergeben, so dass beide Seiten etwas Neues lernen. Klar, kannte ich unseren Logistik-Chef – aber nicht persönlich.

Wie haben Sie sich organisiert als Team? Wie lief das „Reverse Mentoring“ bei Ihnen ab?

Benedikt Elser: Das Programm gibt einen Rahmen vor: Binnen sechs Monaten sollten zehn Sessions stattfinden. Nach der Hälfte der Zeit treffen sich alle aktiven Mentoren, um sich über ihre Erfahrungen und Ergebnisse auszutauschen. Herr Stätter und ich, wir haben uns Anfang 2017 das erste Mal getroffen und im Oktober offiziell das letzte Mal. Aber unser Austausch geht weiter, wir treffen uns bei Fragen oder telefonieren, chatten kurz.

Jörg Stätter: Wir haben uns beim ersten Treffen beschnuppert, vorgestellt und ausgetauscht. Wer macht was? Was interessiert mich? Dann Stichworte gesammelt, in die Kalender geschaut und Termine verabredet. Es war gut, dass Herr Elser sich manchmal auch kurzfristig nach meinen Terminen richten konnte. Je nach Thema und Zeit haben wir ein bis zwei Stunden in meinem Büro zusammengesessen.

Bosch Mentee: Diese Weitergabe von Wissen in komprimierter Form finde ich richtig ausbaufähig. #ReverseMentoring #jobwizards http://bit.ly/2HVKRLg

Jetzt tweeten

Welche Regeln gab es noch für die Zusammenarbeit?

Benedikt Elser: Das oberste Gebot lautet: Der Mentor nimmt nie die Maus in die Hand oder greift in die Tastatur. Wir haben uns bei den ersten Treffen mit der Bosch-Social-Networking-Plattform befasst, dann später einen Facebook-Account angelegt und Datenschutz, Privatsphäre, Quellen und Funktionen definiert.

Welche Erwartungen hatten Sie an diese Treffen: Was wollten Sie lernen?

Jörg Stätter: Ich bin da offen reingegangen. Mein Thema ist der Zeitfaktor gewesen. Ich wollte Sicherheit im Umgang mit Bosch Connect und anderen Social Media Tools bekommen, um mich am Ende des Tages nicht zu verzetteln. Ich bekomme 200 bis 300 E-Mails am Tag, da brauche ich nicht noch mehr Anfragen und Infos. Wie nutze ich die neuen digitalen Tools in Zukunft bei der Arbeit ohne zusätzlichen Stress zu bekommen? Worauf muss ich achten, was kann ich tun, damit ich in der Informationsflut nicht untergehe?

Benedikt Elser: Das war ein guter Ansatz: Wie wird es keine Zusatzbelastung, wie nutze ich Bosch Connect effektiv und generiere Mehrwert daraus? Unsere interne Plattform bietet unzählige Möglichkeiten. Da ist es hilfreich, das eins zu eins erklärt zu bekommen, was sind die Vorteile, was die Nachteile, wie kann ich Benachrichtigungen ein- und ausschalten? Ich war gespannt, wie das wird, wenn ich als jüngerer Kollege auf so einen erfahrenen Manager treffe. Das war gut: Herr Stätter war sehr interessiert, fand sich schnell zurecht und war kein Laie auf diesen Gebieten, sehr webaffin. Über neue Technologien wie Smart Home oder E-Bike wusste er sehr viel mehr als ich. Da tauschten wir auch die Rollen.

„Er hat Schwimmen gelernt, während das Wasser nach und nach rein gelassen wurde. Ich musste jetzt ins volle Becken springen.“ – Jörg Stätter

Wo hatten Sie den Wissensvorsprung als Mentor?

Benedikt Elser: Ich bin Digital Native, mit Facebook groß geworden, aber auch mit kleineren Plattformen, die damals wichtig waren. Ich habe Sozial- und Kommunikationswissenschaften studiert und mich mit der Rolle der sozialen Medien im Arabischen Frühling beschäftigt und selbst Facebook-Kampagnen gestartet. Ich bin ein begeisterter Nutzer, aber auch kritisch. Manche Kanäle wie Snapchat oder Instagram nutze ich nur zum testen, aktiv war ich auch als Blogger und auf YouTube.

Jörg Stätter: Das war ein interessanter Perspektivwechsel. Er hat Schwimmen gelernt, während das Wasser nach und nach rein gelassen wurde. Ich musste jetzt ins volle Becken springen.

Was ist Ihr Fazit, was hat Ihnen das „Reverse Mentoring“ gebracht?

Jörg Stätter: Dieses Coaching zur Digitalisierung war eine wertvolle Lektion. Die reicht weit über den Umgang mit Social Media und Bosch Connect hinaus. Ich nutze beides jetzt im Alltag für meine Fachthemen. Ich habe zum Beispiel zwei neue Kontakte im Konzern gefunden, die bei einem Projekt sehr hilfreich waren. Auch als Instrument im Integrationsprozess ist das neue Know-how wichtig. Privat profitiere ich auch, denn meine Tochter hatte Wünsche an die Social-Media-Nutzung, die ich jetzt besser beurteilen kann. Abgesehen vom Altersunterschied war ich erstaunt, wie effektiv man zu zweit mit einem Spezialisten Dinge erreicht. Diese Weitergabe von Wissen in komprimierter Form finde ich richtig ausbaufähig. Auch meine Mitarbeiterführung hat sich dadurch geändert. Wenn es ein Problem gibt, führe ich ein kleines, schnelles Gespräch mit einem Mitarbeiter. Das kann schon helfen, anstatt gleich eine Teamsitzung daraus zu machen.

Benedikt Elser: Ja, Kollaboration ist wichtig und hat zwischen uns sehr gut funktioniert. Das passte einfach. Ich habe natürlich viel über Logistik gelernt und mein Netzwerk erweitert. Unsere Treffen waren auch für mich lehrreich. Mir wurde noch mal bewusst, wie wichtig Nutzerfreundlichkeit ist, gerade auch in Sicherheitsfragen zur Privatsphäre und zum Datenschutz. Zum anderen bekam ich Feedback, wie kommen die Inhalte aus der Kommunikation in der Logistik an, und umgekehrt: Welche Themen beschäftigen sein Team gerade, die wir nicht im Blick haben. Das positive Feedback zum Reverse Mentoring hat zu einem neuen Projekt geführt: Wir erarbeiten gerade mit der Personalabteilung ein Programm, in dem Führungskräfte fachfremde Personen am Standort suchen können, um beispielsweise eine Kampagne oder Produktidee zu testen oder eine Präsentation zu üben. Das trägt alles dazu bei, um als Learning Company fit für die Zukunft der Arbeit zu sein.

Corporate & Culture