Ein modernes und inspirierendes Büro

Das neue Büro – Räume müssen inspirieren! (Teil 2)

Wir haben uns mit dem Spezialisten für „Touching and Inspiring Spaces“, dem Architekten Thomas Weitershagen, über die Faktoren unterhalten, die das Arbeiten im Büro entscheidend beeinflussen, über neue Entwicklungen und über Fallstricke bei Transformationsprozessen.

Das neue Büro – Arbeitsplatz und zweite Heimat (Teil 1)
Starten Sie mit einem Artikel über die optimale Bürostruktur: Das neue Büro – Arbeitsplatz und zweite Heimat (Teil 1)

 

Portrait

Thomas Weitershagen
Thomas Weitershagen ist Architekt. Seit über 25 Jahren sind „Touching Spaces“ sein Thema – Gebäude, Räume und Objekte zu gestalten, in denen der Mensch Lebendigkeit erfahren und seine Potentiale entfalten kann. In Vorträgen und als Dozent macht er seine Philosophie zu „Touching Spaces“ vielen Menschen zugänglich. Seit 2012 fokussiert er sich auf „Touching Workspaces“, das ganzheitliche und interdisziplinäre Entwickeln von besseren Arbeitswelten.

Portraitfoto von Architekt Thomas Weitershagen

Wie sieht für dich das perfekte Umfeld aus, in dem du dich bei der Arbeit wohlfühlst und zu befriedigenden Ergebnissen kommen kannst?

Thomas Weitershagen: Der Raum, in dem wir arbeiten, sollte wie ein fruchtbarer Boden sein, auf dem Früchte gut gedeihen können. Wie oft ist man aber Arbeitswelten ausgesetzt, die sich anfühlen, als wären sie mittels Checkliste designt? Der Raum muss Atmosphäre erzeugen. Diese Atmosphäre schenkt mir besondere Erfahrungen, sie inspiriert, die Atmosphäre muss mich berühren. Man stelle sich vor, was Räume alles bewirken können, in denen man sich willkommen und umarmt fühlt. Atmosphäre entsteht durch drei Dinge: den Raum, den Menschen und die Interaktion. Deshalb spreche ich auch gern von „Interaktionsräumen“. Das sind Räume, die uns Geborgenheit geben, an denen wir zusammenwirken und uns dabei individuell entfalten können. Mir hat ein kluger Mensch einmal gesagt „Wir unterschätzen die Wirkung der Räume auf unser Denken.“. Ich sage „Wir unterschätzen die Wirkung der Atmosphäre auf unser Denken.“. Das schließt den Raum mit ein, betrachtet ihn aber nicht isoliert. Ich arbeite gern mit anderen gestaltenden Disziplinen unter einem Dach.

Ich liebe Arbeitsumgebungen, die an die Kaffeehauskultur erinnern, „offene Häuser“ sind.
Diese Atmosphäre stiftet ein Ambiente, das die Entwicklung von Visionen und Ideen fördert. Für jede Art von Tätigkeit gibt es eigene Bereiche. Ich habe immer die Wahl, sitzend, stehend oder liegend zu arbeiten. Zudem wird ein experimenteller Raum zur Verfügung gestellt. Ein Ort des spontanen Austauschs, der unterschiedlich bespielt werden kann. Trotzdem muss es ihn für mich noch geben, den kleinen, aber eigenen Arbeitsbereich. Mit einem zentralen Spind für Wertsachen und persönliche Dinge ist es nicht getan.

Mit Äußerlichkeiten allein erschafft man ja noch nicht das optimale Büro. Was sind denn die grundlegenden Faktoren, damit sich Mitarbeiter Montagfrüh auf die Arbeitswoche freuen?

Thomas Weitershagen: Der Ort der Arbeit muss auch eine berufliche Heimat sein, damit meine ich aber nicht das Homeoffice. Dieser Aspekt wird leider häufig und immer mehr vernachlässigt. Der Raum ist eine der wichtigsten Rahmenbedingung für funktionierende Unternehmen. Raum wirkt. „Erst formen wir unsere Räume, dann formen sie uns“ hat Winston Churchill gesagt. Ich behaupte: Das Gestalten von besseren Arbeitsatmosphären ist eine der klügsten Investitionen in das Unternehmen.

„Wir unterschätzen die Wirkung der Atmosphäre auf unser Denken.“

Thomas Weitershagen

Was sind die absoluten Killer, die unbedacht oder unbewusst bis heute das Büroleben beeinflussen?

Thomas Weitershagen: Es geht ja um Atmosphäre, und die entsteht aus dem Kontext des Raums, der einzelnen Menschen und ihrer Interaktionen. In einer künstlichen, klinischen oder distanzierten Atmosphäre wird sicherlich keine kraftvolle Kooperation oder Zusammenarbeit stattfinden. Wir brauchen ja für die Fragestellungen von heute die gesamte Gestaltungskraft der Menschen.

Es scheint zurzeit eine sehr große Schere zu geben zwischen sehr bedachten und umtriebigen Firmen und anderen, die sich dem Thema „Besseres Umfeld = zufriedenere Mitarbeiter = bessere Arbeit“ überhaupt nicht zuwenden.

Thomas Weitershagen: Der Trend zum „Besserdenken“ ist da. Der Aufbruch erfolgt jedoch langsam, aber nach meiner Erfahrung und den Gesprächen mit Unternehmern, Geschäftsführern und Personalverantwortlichen steigt das Bewusstsein seit zehn Jahren mehr und mehr an. Aktuell entwickle ich mit einem interdisziplinären Team ein Konzept, mit dem wir Unternehmen eine ganzheitliche Unterstützung anbieten wollen. Wir fungieren hierbei als Coaches.

Was hat sich in den letzten Jahren allgemein ganz wesentlich zum Besseren verändert? Wenn eine allgemeine Antwort überhaupt möglich ist.

Thomas Weitershagen: Die meisten Unternehmen sind nach wie vor durch Risikovermeidung anstatt durch Experimentierfreude geprägt. Man handelt nach wie vor traditionell, hierarchisch und funktionell. Von Innovationslust ist man weit entfernt. Jeder einzelne Mitarbeiter fühlt sich meistens nicht als wertvoll und positiv beitragend. Es gibt aber auch immer mehr Unternehmen, die sich wieder auf Ansätze besinnen, die den Menschen im Zentrum sehen, den „Human-centered Approach“. Der Mitarbeiter wird wertgeschätzt.

Wer meint, Arbeit 4.0 wird besser und damit stressfreier, hat sich geirrt.
Die Flut von Informationen und die Vielschichtigkeit der Arbeit nehmen zu. Permanente Erreichbarkeit und die Mobilität lenken uns ab. Viele Großunternehmen haben hierbei mittlerweile eine Vorreiterrolle inne – SAP, Fraport, thyssenkrupp oder Siemens, um nur einige zu nennen. Dort werden angehäufte Überstunden durch längere bezahlte Auszeiten ausgeglichen. Es gibt eine ganzheitliche Inhouse-Gesundheitsvorsorge mit individuellen Beratungen. Das Gesundheitsmanagement fängt bereits in der Planungsphase an, zum Beispiel bei der sorgsamen Wahl der Materialien. In meinen Konzeptionen spielt der biogene Werkstoff Holz eine sehr entscheidende Rolle, und zwar unbehandelt, in seiner reinen, nativen Form. Heimisches Holz steht nicht nur für Behaglichkeit und Wärme, man fasst es auch gern an und es hat einen angenehmen Duft. Man hat herausgefunden, dass 50 % Holzanteil im Innenraum ausreichen, um einen nachweislichen Effekt auf die Gesundheit zu bewirken. Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass Holz als erlebbares Material die perfekte Kompensation zu einer immer mehr durch Digitalisierung und Technisierung geprägten Umwelt darstellt.

„Erst formen wir unsere Räume, dann formen sie uns.“ - Winston Churchill #jobwizards http://bit.ly/2D4w3uV

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Fallen dir aus neuerer Zeit positive Beispiele ein?

Thomas Weitershagen: In Bezug auf das klassische Segment der reinen Büroarbeitswelten habe ich lange nachgedacht. Hier hat mich noch nichts zu 100 % überzeugt oder berührt. Konzepte, die das Zusammenspiel unterschiedlichster Disziplinen fördern, sind die Zukunft. Ich bin davon überzeugt, dass interdisziplinäres Arbeiten und Zusammenwirken der Booster für Innovation sind.

Der Radiosender KEXP verbindet Menschen durch Musik.
Ein solches Beispiel habe ich in den USA entdeckt. Beim ersten Anblick der Bilder habe ich gestaunt und dann gelächelt. In Seattle befindet sich der bekannte öffentliche Radiosender KEXP. Der gesamte Komplex ist über 2.000 Quadratmeter groß. Hier verbindet man Menschen durch das Thema Musik. In dem von „SkB Architects“ gestalteten Gebäude gibt es eine Musikbibliothek mit über 50.000 Alben, Live-Auftrittsräume, verschiedenste Workstations, eine Bibliothek, DJ-Kabinen, Konferenzräume, die man buchen kann, und ein öffentliches Café. Hier sind mehrere Welten vereint: Working, Coworking, Event und Gastronomie. Räume mit einer berührenden Qualität und Atmosphäre, die jeden willkommen heißt. Erfahrungsräume, in denen man sich involviert und integriert fühlt. Mit Wahrhaftigkeit und dem perfekten Gefühl vom „Genausosein“.

Nicht jeder hat ein gutes Händchen bei Strategie und Umsetzung. Wo sind erfahrungsgemäß die fiesen Fallen, durch die trotz guten Willens aller das Projekt im Firmenalltag nicht greift?

Thomas Weitershagen: Man muss zwischen dem jungen und agilen Unternehmen, das gerade die Start-up-Phase verlässt, und der großen Firma mit einer 100-jährigen Geschichte unterscheiden. Zudem spielt die Branche auch eine ganz entscheidende Rolle. Ein technologie- und designgetriebenes Unternehmen wird eine ganzheitliche Transformation selbstverständlicher und leichter meistern als zum Beispiel ein großer und träger Versicherungskonzern. Das junge Unternehmen darf radikaler denken. Es kann damit Identität stiften und somit entsprechende Mitarbeiter finden und binden. Eine große Firma mit einem Stamm von langjährigen Mitarbeitern muss die Themen Wandel und Transformation mit sehr viel Fingerspitzengefühl angehen.

Bei großen, gewachsenen Firmen gibt es bereits eine Unternehmenskultur und DNA, eine langjährige Story.
Ältere Mitarbeiter identifizieren sich damit. Man muss kleine Schritte gehen und die Menschen mitnehmen. Diese werden zunehmend mit modernen Technologien konfrontiert, mit denen sie auch umgehen müssen. Überforderung und schlussendliches Scheitern sind vorprogrammiert. Hier setzte ich seit Jahren auf interdisziplinäre Teams, mit Organisationsentwicklern und Coaches, damit die Menschen in den Unternehmen in eine Gestalterrolle kommen.

Wo geht’s hin? Wie arbeiten wir in der Zukunft? Kurzfristig und langfristig?

Thomas Weitershagen: „Sex muss schon sehr gut sein, um den Vergleich mit Neuer Arbeit auszuhalten“, so prophezeit Frithjof Bergmann, Philosoph und Begründer der New-Work-Bewegung, unsere Zukunft der Arbeit. Ich bin kein Zukunftsforscher, aber eines scheint mir sicher: Die Welt befreit sich gerade von der alten Arbeit. Klassische Orte der Arbeit, wie Schreibtisch und Fließband, werden sich nachhaltig verändern. Virtual Reality wird den Gestaltungsprozess von Architekten und Designern grundlegend ändern und das Raum- und Arbeitserlebnis revolutionieren. Es wird immer mehr um Imagineering gehen, die Fähigkeit, Vorstellungen zu gestalten und sichtbar zu machen. In der Konzeption von Arbeitsräumen wird die Interaktion von Mensch und Maschine neue Anforderungen an uns stellen. Gleichzeitig berührende räumliche Atmosphären zu kreieren, ist für mich die größte Herausforderung. Das individuelle Arbeiten wird immer mehr unseren Alltag prägen. Kollaboratives Arbeiten ist heute bereits durch technische Innovationen von überall aus möglich. Klassische Büros dienen immer mehr nur noch dem Netzwerken und Meetings.

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