Bargeldlose Gesellschaft: Ist Ihr Unternehmen bereit?

Bargeldlose Gesellschaft: Ist Ihr Unternehmen bereit?

Immer weniger Schwedinnen und Schweden bezahlen mit Bargeld; viele wollen sogar ganz auf Geldscheine und Münzen verzichten. Das Gleiche gilt für immer mehr Unternehmen. Insbesondere KMUs verzichten gern auf den teuren und umständlichen Umgang mit Bargeld. Die Entwicklung schreitet schnell voran. Es wird geschätzt, dass das Land schon 2023 komplett bargeldlos sein wird. Was treibt diese Entwicklung voran? Und was sollten KMUs tun? Finden Sie es jetzt heraus.

Schnelle Entwicklung in Richtung bargeldlose Gesellschaft

Die Entwicklung hin zu einer bargeldlosen Gesellschaft ist in den letzten Jahren in Schweden rasch vorangeschritten. Alle zwei Jahre führt die schwedische Reichsbank eine Studie zum Zahlungsverhalten der schwedischen Bevölkerung durch. In der 2018 erhobenen Studie wurden rund 2.000 zufällig ausgewählte Personen im Alter zwischen 16 und 84 Jahren interviewt. Eine der Fragen lautete: „Wie haben Sie bei Ihrem letzten Einkauf in einem Ladengeschäft bezahlt?“ Nur 255 Personen von 2.011 Befragten gaben an, bar bezahlt zu haben. Das entspricht 13 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr 2010 betrug der Anteil noch 40 Prozent.

Die Perspektive des Handels

Die für den Handel zuständigen Arbeitsmarktparteien leiten den sogenannten Handelsrat. Dieser soll auch das Handelsgewerbe mit seinen Betrieben und Angestellten weiterentwickeln. 2017 finanzierte der Rat eine Studie unter Händlerinnen und Händlern der bargeldintensivsten Branchen. Zu diesen zählen Lebensmittel, Tabakwaren und Kioske, Schuhe und Kleidung, Sport und Freizeit, Möbel und Einrichtung, Baustoffe und Eisenwaren sowie Elektronik.

741 Händlerinnen und Händler antworteten. Im Durchschnitt haben die Befragten vier Vollzeit-Angestellte, einen Umsatz von sieben Millionen Kronen (ca. 641.000 Euro) ohne Mehrwertsteuer pro Jahr und setzen im Durchschnitt 300 Kronen (ca. 27,50 Euro) pro Transaktion um.

Auf die Frage, wie groß der Anteil der bar bezahlten Verkäufe ist, lautete die Antwort: 18 Prozent.

Wie die Schwedinnen und Schweden in Geschäften bezahlen

Schweden ist schon bald eine bargeldlose Gesellschaft

Der Handelsrat wollte mit der Finanzierung dieser Studie nicht primär herausfinden, wie viele Kundinnen oder Kunden mit Scheinen und Münzen bezahlen. Er stellte sich eine viel interessantere Frage.

Die Bargeldzahlungen nehmen laut Schwedischer Reichsbank jedes Jahr um schwindelerregende 15 Prozent ab. Ab einem bestimmten Zeitpunkt wird der Anteil der in bar zahlenden Kundschaft so gering sein, dass es sich für den Handel nicht mehr lohnen wird, Barzahlungen anzunehmen. Wann wird es soweit sein?

So lautete die Frage, die die Forscherinnen und Forscher der Königlichen Technischen Hochschule, der Handelshochschule in Kopenhagen und der Reichsbank im Auftrag des Handelsrates beantworten sollten.

Die Antwort: am 24. März 2023.

Wirtschaftliche Rationalität auf einem zweiseitigen Markt

Die Forscherinnen und Forscher kamen über die Entwicklung eines mathematischen Modells, das auf den Theorien zu zweiseitigen Märkten und wirtschaftlicher Rationalität basiert, zu ihrer überraschenden Antwort.

Vereinfacht kann man sagen, dass es bei zweiseitigen Märkten zwei Arten von Teilnehmerinnen und Teilnehmern gibt, die beide davon profitieren, wenn es mehr Beteiligte der jeweils anderen Art gibt.

Wirtschaftliche Rationalität bedeutet vereinfacht, dass ein Handelsunternehmen Entscheidungen trifft, die „satisfying“ sind: Es werden in einem gewissen Zeitraum so viele Informationen wie möglich erfasst und analysiert und dann eine Entscheidung getroffen wird, die als zufriedenstellend eingestuft wird.

Darum werden sich Barzahlungen nicht mehr lohnen

Die Forscherinnen und Forscher betrachten jedes Zahlungssystem (Bargeld, Zahlung per Karte usw.) als einen eigenen zweiseitigen Markt. Damit ein Zahlungssystem funktionieren kann, muss es viele geben, die damit bezahlen können und viele, die damit Bezahlungen entgegennehmen können.

Wirtschaftliche Rationalität bedeutet hier, dass der Handel Beschlüsse fassen sollten, die entweder die Einnahmen erhöhen oder die Kosten senken. Oder die möglicherweise zu einer günstigen Kombination aus Einnahmenerhöhung und Kostensenkung führen. Eine wirtschaftlich rationale Entscheidung kann zum Beispiel darin bestehen, das kostengünstigste Bezahlsystem zu etablieren.

Auf Grundlage dieser beiden Annahmen erstellten die Forscherinnen und Forscher eine Formel zur Berechnung des Zeitpunkts, ab dem der Umgang mit Bargeld nicht mehr wirtschaftlich rational ist.

Die Formel hat drei unbekannte Variablen: Die fixen und die variablen Kosten sowie die Gewinnspanne des Handels. Die Werte erhielten die Forscherinnen und Forscher aus den Antworten der 741 Befragten. Nachdem sie die Werte in die Formel eingesetzt hatten, kam als Ergebnis der 24. März 2023 heraus.

Der Bargeldmarkt implodiert

Natürlich wird es nicht exakt der 24. März 2023 sein, ab dem es sich nicht mehr lohnen wird, Bargeld zu verwenden. Laut den Forscherinnen und Forschern geschieht dies sogar noch früher.

Wenn ein zweiseitiger Markt wächst, gibt es am Anfang auf jeder Seite nur wenige Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Somit ist auch die Anzahl möglicher Beziehungen zwischen den Nutzerinnen und Nutzern der verschiedenen Seiten gering. Aber mit jeder weiteren Person wächst die Anzahl möglicher Beziehungen exponentiell. Das führt dazu, dass der Markt anfangs noch langsam und dann immer zügiger wächst.

Aber das Gleiche gilt auch umgekehrt.

Sobald kein Bargeld mehr im Umlauf ist, vermindert sich sein Wert als Zahlungssystem zuerst langsam und dann immer rascher. Zuletzt implodiert das traditionelle Zahlungssystem.

Aus praktischen Gründen haben die Forscherinnen und Forscher die erhöhte Veränderungsgeschwindigkeit nicht berücksichtigt. Daher handelt es sich beim 24. März 2023 wahrscheinlich um eine Überschätzung. Der Umgang mit Bargeld wird schon vorher unrentabel werden.

Europa wird eine bargeldlose Gesellschaft. In Schweden vielleicht schon im Jahr 2023. Was treibt die Entwicklung voran und was sollten KMUs tun? Diese Fragen stellen wir uns in diesem Artikel. #JobWizards http://bit.ly/2MXjlAC

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Faktoren, die die Entwicklung beschleunigen

Die erhöhte Veränderungsgeschwindigkeit hängt von mehreren Faktoren ab.

Ein Faktor sind die Kosten für den Umgang mit Bargeld. Diese werden sich aufgrund der Tatsache, dass die Fixkosten für dieses System von immer weniger Händlerinnen und Händlern getragen werden müssen, erhöhen. Schon heute betragen der durchschnittliche Aufwand für die Barzahlung einschließlich Arbeitszeit 4,1 Prozent der Verkaufssumme. Die entsprechenden Kosten für die Zahlung per Karte liegen bei 0,4 Prozent.

Ein weiterer Faktor besteht darin, dass sich weitere Geschäftsleute anschließen werden, sobald die ersten Barzahlungen ablehnen. Es entsteht ein Trend, bei dem sich der Handel, und vielleicht sogar Kundinnen und Kunden, gegenseitig nachahmen.

Warum Schweden?

Warum ist ausgerechnet Schweden auf dem Weg, die erste bargeldlose Gesellschaft zu werden?

Vor allem hat das Land eine verhältnismäßig gut ausgebildete und IT-affine Bevölkerung, die technologische Innovationen schnell annimmt. Dies führte zur schnellen Akzeptanz und Verbreitung neuer Bezahllösungen.

Die schwedische Bevölkerung bringt zudem Behörden, Institutionen und Firmen großes Vertrauen entgegen. Der Vorteil: Die Schwedinnen und Schweden sorgen sich nicht so sehr darum, ob der Staat oder die Wirtschaft ihre Privatgeschäfte ausspionieren könnte.

Das sind insgesamt perfekte Voraussetzungen für innovative Bezahllösungen.

Swish

In Schweden wurden in den letzten Jahren einige sehr zukunftsträchtige Finanztechnologie-Unternehmen gegründet. Eines davon ist Klarna, das den elektronischen Handel mit seinen Lösungen revolutioniert hat. Ein weiteres ist iZettle, wo die erste Lösung für Kartenzahlungen per Mobiltelefon entwickelt wurde.

Aber die vielleicht revolutionärste Lösung kommt von Schwedens sechs großen Banken: die Smartphone-App Swish, die sieben von zehn Millionen Schwedinnen und Schweden nutzen, um pro Monat 44 Millionen Bezahlvorgänge durchzuführen.

Mit Swish schicken sich Schwedinnen und Schweden direkt von ihrem Handy aus gegenseitig Geld zu und können genauso einfach in Ladengeschäften oder online bezahlen. Geld zu „swishen“ ist genauso einfach wie eine Nachricht zu versenden.

Die App wird überall verwendet. Fast 25 Prozent der schwedischen Unternehmen können Bezahlungen mit Swish entgegennehmen.
Und, oh Himmel, sogar die Kirche benutzt Swish zum Einsammeln der Kollekte!

Das sollten Sie mitnehmen

Die Frage ist nicht ob, sondern wann Ihr Land eine bargeldlose Gesellschaft wird. Das geschieht vermutlich früher als Sie denken. Schweden liegt bei dieser Entwicklung, zusammen mit seinen nordischen Nachbarn, zwar vorn, aber der Rest von Europa ist ihm auf den Fersen.

Daher sollten Sie sich überlegen, in Richtung welcher Zahlungsarten Sie Ihre Kundschaft lenken wollen. Beachten Sie dabei, dass jede Bezahllösung ihren eigenen zweiseitigen Markt hat und dass der Markt, der die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewinnen kann, auch am schnellsten wächst.

Außerdem sollten Sie schon jetzt abschätzen, wie viel Sie der Umgang mit Münzen und Scheinen kostet. Vergessen Sie nicht, die Lohnkosten zu berücksichtigen. Diese sind wahrscheinlich höher als Sie denken.

Überlegen Sie sich schließlich, welche Mehrkosten entstehen, bevor Sie die Zahlungsmethode durch ein bargeldloses Zahlungssystem ersetzen.

Bereiten Sie sich gut vor. Vermutlich wird die Veränderung viele Bereiche beeinflussen, wenn sie erstmal eintritt.

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